Aufgeweckt nach vier Jahren Pause

Am Samstag fand in Schwäbisch Hall das zweite Sichtungscamp der deutschen Nationalmannschaft statt

Sichrungscamp Nationalmannschaft (Fotos: Manfred Löffler)

Am vergangenen Samstag sichtete die wiederbelebte deutsche Nationalmannschaft bei einem Trainingscamp auf dem Hagenbach-Sportgelände in Schwäbisch Hall mehr als 100 Spieler aus dem süddeutschen Raum.
 
Wie ein Fanfarenzug läuft die große Spielertraube durch das Eingangstor des Trainingsplatzes. Ihre Trikots sind entweder schwarz oder rot, nur die Quarterbacks haben gelbe Shirts an. Ein farbliches Sammelsurium besteht beim Trainingscamp der deutschen Nationalmannschaft nur bei den Helmen. Die weißen Unicorns-Helme sind zu sehen, auch von anderen bekannten Teams aus der GFL-Süd wie die Munich Cowboys, Marburg Mercenaries oder den Razorbacks aus Ravensburg sind Spieler gekommen. Rund 120 Akteure aus ganz Süddeutschland haben ihre Visitenkarte an diesem Samstag auf dem Kunstrasenfeld am Schulzentrum West abgegeben – darunter 16 Akteure der ­Unicorns. Bereits vor zwei Wochen gab es ein vergleichbares Trainingscamp für die Spieler aus Norddeutschland in Braunschweig.
 
Mittendrin: Jordan Neuman. Der Headcoach der Schwäbisch Hall Unicorns fungiert in Personal­union auch als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Bevor es mit den Übungen losgeht, schwört er im großen Kreis die Spieler ein. „Wir wollen eine dominante Mannschaft zusammenstellen. Dieses Team ist von Bedeutung“, macht Neuman den Stellenwert der Nationalmannschaft klar. Neben Jordan Neuman findet sich im Coaching Staff der Nationalmannschaft viel Haller Couleur. Christian Rothe kümmert sich um die Offensive Line, Marco Ehrenfried nimmt die Quarterbacks unter die Lupe. Ein weiterer ehemaliger Unicorns-Spieler, Daniel McCray, nimmt den Posten des Defense Assistent ein. Und die Special Teams betreut ein großer Name, der seine sportlichen Wurzeln auch bei den Unicorns hat: Ulrich „Ulz“ Däuber, frischgebackener deutscher Meister als Headcoach der Dresden Monarchs. Unlängst standen sich Neuman und Däuber im German Bowl gegenüber, bei der deutschen Auswahl wollen sie aber zusammen ein schlagkräftiges Team formen. „Wir haben eine überragende Gruppe an Coaches, so wie es für eine Nationalmannschaft sein muss“, erklärt Neuman.
 
Die 120 Spieler verteilen sich nach einem gemeinsamen Warmmachen in kleinere Gruppen, je nach Positionsgruppe. Die einzelnen Coaches achten bei den Übungen darauf, dass sie sauber ausgeführt werden. Im Akkord pflücken die Receiver die kurzen Pässe der Quarterbacks aus der Luft. Zehn Meter daneben trippeln die Runningbacks, also die Ballträger, über Stoffpolster, die im Abstand von rund einem Meter auf dem Boden liegen. Mal sollen die Spieler einen Schritt zwischen den Polstern machen, dann zwei und am Ende drei. Von der Seite versuchen zwei Trainingshelfer mit einem Schläger, an dessen Ende ein Boxhandschuh befestigt ist, den Runningbacks den Ball aus der Hand zu schlagen. Alles wird per Kamera und auch von oben per Drohe gefilmt, damit die Coaches in die Videoanalyse gehen können.
 
„Wir wollen sehen, wie lernfähig die Jungs sind“, sagt Jean-Marc Tappy, Direktor Nationalmannschaften beim American Football Verband Deutschland (AFVD). Die meisten Spieler seien aus der GFL, manche auch aus der GFL2 oder sogar noch unterklassiger. „Da haben wir von anderen Coaches Tipps erhalten. Wir geben jedem eine Chance.“ Auch Spieler aus der Schweizer Liga oder Finnland sind im Trainingscamp dabei. „Die Statistiken alleine sagen ja auch nichts über die Persönlichkeit des Spielers aus. Außerdem muss man sehen, ob ein Spieler in die Systeme passt, die unsere Coaches spielen lassen wollen“, nennt Tappy einen weiteren Grund für das Trainingscamp. Und warum fiel die Wahl für den Süden auf Schwäbisch Hall? „Zum einen kommt unser Teamchef aus Schwäbisch Hall. Und wir finden hier optimale Bedingungen vor mit dem Kunstrasenplatz, der schon die Football-Markierungen hat“, erklärt Tappy.
 
Das letzte Länderspiel Deutschlands liegt mittlerweile vier Jahre zurück, weil zunächst Querelen im Weltverband IFAF und dann Corona die Auswahl lahm legten. Jetzt will das Team aber wieder durchstarten. „Wir planen für den Zeitraum August ein Spiel gegen Österreich. ob hier oder in Österreich wissen wir noch nicht. Ein oder zwei Jahre später soll es dann auf jeden Fall ein Rückspiel geben“, sagt Direktor Jean-Marc Tappy. Zudem hat der AFVD bereits angekündigt, sich als Gastgeber für die WM 2023 bewerben zu wollen. „Das wäre für Football-Deutschland ein großes Ding, weil wir als Gastgeber dann schon automatisch qualifiziert wären.“
 
Aber bis dahin muss der Kader auf 45 Mann reduziert werden. „Ich bin mit den Camps in Braunschweig und in Hall sehr zufrieden. Wir wollten die Nationalmannschaft nach vier Jahren Pause wieder aufwecken, das ist uns gelungen. Jetzt müssen wir alle 220 Spieler aus beiden Camps erstmal benoten“, sagt Jordan Neuman. Stück für Stück wird dann der Kader verkleinert, bis am Ende die 45 Besten ausgewählt sind. „Auf vielleicht 70 zu kommen, ist noch nicht so schwer. Aber danach kann es ziemlich enge Entscheidungen geben“, so Neuman. Mal sehen, wie viele der 16 Unicorns-Spieler – die Neuman ja auch im Verein betreut – es in die Nationalmannschaft schaffen. „Ich bin professionell genug, um neutral zu bleiben, wenn es um die Entscheidung über einen Unicorns-Spieler geht. Wir als Coaches müssen das Beste für die Nationalmannschaft im Sinn haben“, schiebt Neuman einem Interessenkonflikt schon mal einen Riegel vor.