Zwangspause für den Sonnenschein

Jan Riedel ist ein Sonnenschein. Zu seinem Studi-Job bei der Stage Holding in Hamburg holt ihn sein Chef mit dem Auto ab. Das Studium der Betriebswissenschaft läuft zufriedenstellend, ohne dass ihm der Kopf auch nur halbwegs zu rauchen beginnt, und zum Quarterback in der Zweiten American-Football-Bundesliga haben ihn die Hamburg Eagles zu einem Zeitpunkt überredet, da hatte er in der Fünften Liga noch nicht einmal zwölf Spiele auf dieser Position gespielt. Fünfte Liga oder Zweite ­ da pfeift Riedel drauf ­ seine Sorglosigkeit gibt ihm Rückenwind. Und das auch noch zu Recht.

 

"Er ist ein ungeschliffener Diamant", urteilt sein Trainer Jan-Hendrik Wohlers. Und auch der World Bowl-Sieger Marico Gregersen hält große Stücke auf ihn: "Jan hat die Zukunft des deutschen Footballs im Arm." Gregersen wird in zwei Wochen Riedel von seiner Position verdrängt haben, beziehungsweise bekommt Riedel wieder die Ruhe und die Luft zum Lernen. "Wir haben ihn nicht geholt, um ihn gleich im Spielbetrieb zu verheizen ­ seine Verletzung rührt auch daher, dass wir ihn ein bisschen verschleißen mussten. Das tut uns leid", sagt Eagles-Vizepräsident Thomas Wulf. Der ursprüngliche Eagles-Spielmacher Jan Thiessen hatte sich bereits im Saison-Auftaktspiel gegen die Berlin Rebels den Arm gebrochen, so dass Backup Riedel plötzlich die Nummer eins war.

 

Die Rückkehr ins zweite Glied entlockt dem 23-jährigen gebürtigen Ashausener lediglich ein müdes Lächeln: "Ich bin Mannschaftsspieler, und in einer Mannschaft macht immer der Schlechtere dem Besseren Platz. Wenn ich irgendwann der Bessere bin, läuft die Sache eben umgekehrt." Momentan läuft für Riedel gar nichts.

 

Haarriß im Handgelenk-Knochen seiner linken Wurfhand. Vor drei Wochen schon. Im zweiten Spiel seiner Zweitliga-Laufbahn. Davor eine Mandelentzündung. Jetzt ist ganz Schluß mit Sport. Aus ärztlicher Sicht ist Riedels Saison vorbei. In zwei Wochen darf er frühestens wieder mit leichtem Training beginnen. Zur Rückrunde im August wird er wieder auflaufen ­ dachte er, bis vor kurzem. Da bedankte sich sein Headcoach Jan-Hendrik Wohlers bei ihm vor versammelter Mannschaft für seine Leistung und entließ ihn für den Rest der Saison aus seinen Pflichten für den Punktspielbetrieb. Wohlers: "Wir schulden Jan für seine Opferbereitschaft einen donnernden Applaus. Er soll sich in Ruhe auskurieren und die Chance auf das haben, was wir für ihn von Anfang an angedacht hatten: in Ruhe zu lernen. Aber ohne seine Opferbereitschaft hätten wir einpacken können." Riedel hätte sowieso noch keinen Ball werfen können. Ein Bluterguss hatte seinen angebrochenen Knochen zunächst fixiert. Wäre er nicht in der Woche nach dem Anbruch noch einmal hart angegangen worden, würde er immer noch auf dem Feld stehen und würde wahrscheinlich eine noch ernstere Verletzung in Kauf genommen haben.

 

Das alles lacht er weg. In der Fünften Liga hatten ihn die Verteidiger härter aufs Korn genommen, in der Zweiten Liga sind Schnelligkeit und Technik gefragt. Der Bluterguß hat allerdings einen Nerv eingeklemmt, und ihm fehlt in zwei Fingern das Gefühl. Schwerer wiegt, dass das rechte Augenmaß noch auf sich warten läßt. "In der Zweiten Liga muß ich viel genauer die Verteidigung lesen lernen. In der einen Formation ist der Safety der gefährlichste Gegenspieler, in der anderen der Linebacker, in der nächsten der Cornerback; wer mir wann am stärksten auf die Pelle rücken kann, kann ich noch nicht gut genug auseinanderhalten", sagt er. Darin liegt einer der Gründe, warum sich die Angriffslinie der Eagles in den bisherigen Spielen häufig nur Schritt für Schritt vorwärtsbewegt und kein konstantes Paßspiel fertiggebracht hat. "Schon allein wegen meiner Mitspieler würde ich das gern grundlegend ändern, aber ich kann dafür tun, was mir gegeben ist, Trübsal blasen bringt uns nicht nach vorn. Ich wäre auch gern fünf Zentimeter größer und kann daran nichts ändern."